Märchen – wundersames Geschehen, fremde Orte und vergangene Zeiten … Tief wurzeln sie im Gedächtnis der Völker – und haben einen fassbaren Kern. Von Urangst und Urkonflikt, von Hoffnung, Sehnsucht und Leidenschaften erzählen sie. Ihre Figuren stehen für Verkörperungen unseres Selbst. Die Märchen sind sozusagen die Geschichte unserer Seele.
Dornröschen ist 15 Jahre alt, als sie der Verzauberung verfällt – es ist der Zeitpunkt des Übergangs vom Kind zur Jungfrau. Es ist eine natürliche Erscheinung, dass der Junge in diesem Alter sich auf sich selber besinnt, dass das Mädchen sich in sich zurückzieht, dass beide eine Zeitlang schüchtern, zurückhaltend oder stachlig, trotzig, abweisend werden; eine Dornenhecke scheint um den jungen Menschen zu wachsen und ihn nach außen abzuschirmen – aber im Schutze solcher Zurückgezogenheit reift er heran und wird zu einem neuen, einem stärkeren, helleren Leben erwachen.
“Dornröschen” ist mehr als eine phantasievoll stilisierte Liebesgeschichte – das Märchen schildert Begabung, Bedrohung, Lähmung und Erlösung nicht nur irgend eines Mädchens, sondern des Menschen überhaupt. Die Seele des Menschen verfällt immer wieder der Verkrampfung, der Lähmung, und immer wieder kann sie, wenn es gut geht – und das zeigt unser Märchen – neu belebt, geheilt und erlöst werden:
Schon so lang haben Königin und König sich ein Kind gewünscht. Jetzt ist es endlich da! Ein Mädchen! Zum Tauffest werden die 12 weisen Frauen eingeladen. Zornig darüber, dass sie nicht eingeladen wurde, spricht die 13. Fee einen Fluch aus: Dornröschen soll sich an seinem 15. Geburtstag an einer Spindel stechen und tot hinfallen! Die Hofstaat ist entsetzt, die Königin verzweifelt. Die 12. Fee, die ihren Wunsch noch nicht getan hat, mildert den Fluch ab: Nicht tot soll Dornröschen sein, sondern in einen tiefen 100jährigen Schlaf soll sie fallen.
Der König befiehlt, alle Spindeln im Lande verbrennen zu lassen. Aber hilft das? Kann er damit den Lauf der Dinge aufhalten? Wenn Ferdinand, der Spielmann am Königshof, nicht krank geworden wäre, wenn der Vater geantwortet hätte, wenn die Mutter die Wahrheit gesagt hätte, ja – was dann?
Und so wuchs eine Dornenhecke ums Schloss, immer höher und höher …
“Rosen, wachst zu Dornenhecken,
die das ganze Schloss bedecken.
Niemand soll Dornröschen wecken.”
Niemand?

Foto: t&w 
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